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Journalistisches Armutszeugnis: Die Thüringer Allgemeine und der angebliche Gehalts-Spitzenreiter Thüringer

Man mochte sich am Morgen des 16. Dezember die Augen reiben. Über ihren Twitter-Account meldete die Thüringer Allgemeine: „Nach langer Durststrecke: Gehälter in #Thüringen im Osten Spitze“. Wie bitte?

Man mochte sich am Morgen des 16. Dezember die Augen reiben. Über ihren Twitter-Account meldete die Thüringer Allgemeine: „Nach langer Durststrecke: Gehälter in #Thüringen im Osten Spitze“. Wie bitte?
Verlinkt war auf einen Artikel auf der TA-Homepage. Dort hieß es: „Lange Jahre war Thüringen mit Sachsen-Anhalt Schlusslicht. Inzwischen verdienen Thüringer im Osten am besten. Im Durchschnitt gibt es hier 37.672 Euro brutto im Jahr." Das behaupteten jedenfalls die TA-Redakteure Dietmar Grosser und Wolf-Dieter Bose. Und weiter: "Mit 35.404 Euro am wenigsten bekommen derzeit die Arbeitnehmer in Mecklenburg-Vorpommern. Das geht aus einer Studie der StepStone Deutschland GmbH hervor.“
Als jemand, der über Jahre zum Thema Arbeit zuerst wissenschaftlich, dann politikberatend und publizistisch tätig war, kam mir das merkwürdig vor. Ich habe mich kurz darauf direkt über Twitter an die TA gewandt: „@TAOnline Die Daten des Statistischen Landesamtes geben das aber nicht her. Seriosität der Studie geprüft?“ Antwort: keine.
Inzwischen ist klar: Der Artikel ist ein journalistisches Armutszeugnis. Man muss nur auf der Homepage von Stepstone nachlesen, wie die Zahlen zustande kommen: „StepStone hat 2013 eine deutschlandweite Gehaltsstudie durchgeführt, an der rund 50.000 Fach- und Führungskräfte teilgenommen haben. Bei der Auswertung wurden nur die Angaben derjenigen Umfrageteilnehmer berücksichtigt, die Vollzeit arbeiten.“ Aus einer Umfrage unter „Fach- und Führungskräften“, bei der nur die Löhne und Gehälter von Vollzeitstellen in die Auswertung einbezogen wurden, macht die TA kommentarlos durchschnittliche Brutto-Gehälter in Thüringen! Was bleibt, ist kompletter inhaltlicher Unsinn (um drastischere Einschätzungen zu vermeiden!), eine Verhöhnung der Menschen, die Niedriglöhne beziehen und auf den gesetzlichen Mindestlohn hoffen, Generalabsolution für die politischen und wirtschaftlichen Propagandisten der „Niedriglohnstrategie“ sowie kostenlose (?) Werbung für die „Online-Jobbörse“ Stepstone.

Stefan Wogawa