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Fast liebevolles Porträt

Kurz vor der Bundestagswahl haben zwei Medien in Thüringen im Umgang mit der Neonazi-Partei NPD versagt. Rassistische Propaganda wird im Gewand des "netten Nazis von nebenan" und mit der Ausrede der "umfassenden Berichterstattung" präsentiert.

 

Kurz vor der Bundestagswahl haben zwei Medien in Thüringen im Umgang mit der Neonazi-Partei NPD versagt. Rassistische Propaganda wird im Gewand des "netten Nazis von nebenan" und mit der Ausrede der "umfassenden Berichterstattung" präsentiert.

„Ich stehe seit rund 20 Jahren für eine nationale Politik in Deutschland.“ Mit diesem Zitat stellt die Thüringer Allgemeine (TA) auf ihrer Homepage nach eigener Darstellung einen „Thüringer Spitzenkandidaten der kleinen Parteien“ vor. Deren vermeintliche Bedeutung lässt die TA von einem Sozialwissenschaftler noch aufwerten, der den Kleinparteien „eine Signal- beziehungsweise Indikatorfunktion für die etablierten Parteien“ zuschreibt, „indem sie diese auf thematische Defizite und unberücksichtigte Interessen aufmerksam machen“.
Der eingangs zitierte Spitzenkandidat wird von der TA so präsentiert: „Patrick Wieschke ist bereits seit frühester Jugend in der NPD aktiv. Im Alter von 16 Jahren trat er der vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch bezeichneten Partei ein, arbeitete sich mit den Jahren vom Landesjugendreferenten zum Landesgeschäftsführer und schließlich zum hauptamtlichen Organisationsleiter des Bundesvorstands hoch.“ Nicht nur das: „Er ist Fraktionsvorsitzender der NPD im Stadtrat seiner Heimatstadt und seit dem vergangenen Jahr Landesvorsitzender der Nationaldemokraten in Thüringen“, geht es artig bei der TA weiter. Patrick Wieschke darf dann auch noch seine „Sorge“ (TA) über die "Überalterung der hier angestammten deutschen Bevölkerung" (Wieschke) zum Besten geben. Worin aus seiner Sicht das „thematische Defizit“ anderer Parteien besteht, daran lässt er keinen Zweifel: „Wir brauchen das Gros der Zuwanderer nicht“.
Was bei der TA und ihrem fast schon liebevollen Wieschke-Porträt vom „Spitzenkandidaten der kleinen Partei“ NPD fehlt, hat Stern Online anschaulich dargestellt: Wieschke „war gewalttätig und wurde 2002 erstmals zu einer Freiheitsstrafe verurteilt – unter anderem wegen der Anstiftung zur Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion“. Ein TA-Redakteur redete sich im Gespräch mit Stern Online damit heraus, es sei nur der „Versuch“ gewesen, „den Lesern eine umfassende Berichterstattung zum Thema Bundestagswahl zu bieten“. Im Stern-Beitrag kritisieren Experten die „rassistische Ideologie der NPD“. Doch die scheint andernorts kein Problem zu sein – jedenfalls nicht bei der TA.
Auch der öffentlich-rechtliche Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) hat sich beim Thema NPD nicht gerade mit publizistischem Ruhm bekleckert. So beklagt die Thüringer IG Metall laut eines Medienberichtes, dass der Sender auf Anraten seiner Juristen und entgegen einer ursprünglichen Zusage auf eine Berichterstattung über eine Pressekonferenz des Thüringer Bündnisses „Deine Stimme gegen Nazis“ vom 6. September 2013 verzichtet habe. Das überparteiliche Bündnis ist ein Zusammenschluss von über 40 Thüringer Organisationen und Einzelpersonen, darunter Gewerkschaften, Kirchen, Parteien, Jugendverbände und NGOs. Ihr Ziel ist, „einen Einzug rechtsextremer Kandidaten in die Parlamente zu verhindern“.
Über die Pressekonferenz mit Thomas Voß, Leiter des ver.di Landesbezirks Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Christhard Wagner, Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands sowie Wolfgang Nossen, Ehrenvorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, mochte der MDR dann doch nicht berichten.
Die IG Metall hat inzwischen eine Beschwerde beim MDR-Rundfunkrat eingereicht; der „vertritt die Interessen der Allgemeinheit auf dem Gebiet des Rundfunks“ und „überwacht die Einhaltung des im Staatsvertrag festgelegten Programmauftrages“. Die Gewerkschaft hält es für laut des Beschwerdebriefes für „unerträglich“, dass der öffentlich-rechtliche Sender statt der Erwähnung des Bündnisses gleichzeitig in seinem Regionalprogramm die Thüringer NPD als eine „normale Partei“ dargestellt habe.
„Wir wollen in den Landesfunkhäusern diejenigen Journalisten stärken, deren Anspruch ein Festhalten an einer kritischen, parteilich neutralen aber niemals unpolitischen Berichterstattung ist. Mit der jüngsten Erfahrung sehen wir die Freiheit der Presse in ihrer Berichterstattung durch eine Selbstbeschneidung durch die Juristen des Hauses gefährdet“, zitiert das Neue Deutschland aus dem Beschwerdebrief der IG Metall. (red)