5. Juni 2015

Mit Kelle am rechten Rand fischen: CDU-Fraktion bietet dem "Wutbürgermilieu" eine Bühne

Als „umstrittene Publizistin“ wird Birgit Kelle in vielen Medien apostrophiert, sie selbst sieht sich als Kämpferin eines neuen Feminismus. Kelle, 1975 in Rumänien geboren, lebt seit 1984 in der Bundesrepublik. Sie brach ein Studium der Rechtswissenschaft in Freiburg ab, um Journalistin zu werden. Heute gilt die Mutter von vier Kindern als Star der Wutbürgerszene. Inhaltlich bewegt sie sich zwischen Rechtspopulismus und Verschwörungstheorie. In einer aktuellen Veröffentlichung beschwört Kelle etwa die „Risikofaktoren“ der Krippenbetreuung von Kindern, die sie für allerlei schlimme – nur leider noch nicht erforschte und somit letztlich unbekannte – Krankheiten verantwortlich macht.
Ausgerechnet Kelle wurde unter dem Titel „Erziehungsgeld - Quo Vadis?“ am 22. April von der CDU-Landtagsfraktion eingeladen. Das Ansinnen der Thüringer Regierungskoalition, das Landeserziehungsgeld (die „Althaus-Herdprämie“) abzuschaffen und die Mittel für ein beitragsfreies Kita-Jahr einzusetzen, weckt bei wackeren Christdemokraten den Furor. Auf der Homepage der CDU Thüringen firmierte die Veranstaltung denn auch gleich als „Familienforum“, zu Gast sei „u.a. die bekannte Journalistin Birgit Kelle“. Eingeladen wurde ausdrücklich zu einer „spannenden Veranstaltung“, die es dann auch wurde: Zwei junge Frauen unterbrachen ein Statement Kelles mit Zwischenrufen – zogen sich die Blusen aus (wodurch der Schriftzug „Gender + Kelle = Gaga“ sichtbar wurde) und warfen Konfetti. Die Frauen bezeichnen sich als „Nacktivistinnen“ und gehören zur Gruppe „Hinter den Brüsten“. Sie werfen Kelle vor, die sei zwar CDU-Politikerin, arbeite aber „herzlich gerne mit der AFD zusammen“. Zudem verweisen sie auf Kontakte zur neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“.
Den Vorwurf, mit Rechtspopulisten gemeinsame Sache zu machen beweist Kelle selbst durch die Autorenschaft bei rechtslastigen Publikationen wie „Junge Freiheit“, „eigentümlich frei“ oder „Freie Welt“ (gehört zum Umfeld der AfD-Politikerin Beatrix von Storch). Den Katholizismus vertritt sie mit dem Eifer der Konvertitin (sie trat der katholischen Kirche erst 2011 bei) beispielsweise im „kath.net“, einer Internetseite, die laut „Spiegel“ tätig ist, um den „rechten Rand der Kirche zu munitionieren“.
Der Publizist Andreas Kemper hat Kelle im September 2014 in der „tageszeitung“ vorgeworfen, sie sei Rednerin bei einer Reihe von Veranstaltungen des „Regnum Christi“ gewesen, einer Unterorganisation der erzkonservativen katholischen Bruderschaft „Legionäre Christi“. Dieser Orden sei, so Kemper, „beim Vatikan eine Zeit lang in Ungnade gefallen, als die sexualisierte Gewalt in den Knabenseminaren bekannt wurde, die vom Gründer der Legionäre Christi ausging“. Der Orden, inzwischen wieder besser gelitten, bildet laut Kemper auch „Exorzisten“ aus.
Doch auch für die CDU Thüringen ist Kelle keine Unbekannte: schon im Mai 2014 war sie Gast beim Katholischen Arbeitskreis der CDU Thüringen. Der demagogische Titel der Veranstaltung: „Genderwahn und Bildungsideologie“. Bei Thüringens CDU-Katholiken ist auch der andere Teil des agilen Unternehmens Kelle präsent: Ehemann Klaus war im März 2015 in Erfurt zum Thema „Political Correctness – Wie gut sind Deutschlands Medien?“ zu Gange. Dort muss Herr Kelle – folgt man den Informationen des Arbeitskreises – „in gemütlicher Runde u.a. über den Einfluss der Medien und die letzte Landtagswahl in Thüringen“ schwadroniert haben. Verklausulierter Vorwurf der CDU-Katholiken: Journalisten würden „nicht die derzeitigen politischen Mehrheitsverhältnisse in Deutschland eins zu eins abbilden“. Wer allen Ernstes behauptet, durch parteiische Berichterstattung der Thüringer Medien sei die CDU nicht mehr in der Landesregierung, der dürfte freilich noch nie eines der einheimischen Blätter aufgeschlagen haben.

Stefan Wogawa