1. Februar 2016

„Historisch-politische Aufklärung“

Anfang Januar ist eine kritische Edition zu Hitlers „Mein Kampf“ erschienen. Das Projekt ist umstritten. Thüringens Kulturminister Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff hält die Edition für geeignet, "die alltägliche Vermittlung des Nationalsozialismus im Schulunterricht didaktisch-methodisch zu unterfüttern".

Am 8. Januar 2016 ist Adolf Hitlers „Mein Kampf“ in einer neuen, historisch-kritischen Edition des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ, München) erschienen. Am 31. Dezember 2015, 70 Jahre nach Hitlers Todesjahr, sind die Urheberrechte an dem 1924 bis 1926 entstandenen Buch erloschen. Das Institut habe es sich „zum Ziel gesetzt, unmittelbar nach Ablauf dieser Frist eine wissenschaftlich kommentierte Gesamtausgabe vorzulegen“, heißt es auf der Homepage des IfZ. Man verstehe die zweibändige historisch-kritische Edition als „Beitrag zur historisch-politischen Aufklärung“, gebe es doch „kaum ein Buch, das mit so vielen Mythen überfrachtet ist, das so viel Abscheu und Ängste weckt, Neugier und Spekulation hervorruft und nicht zuletzt mit der Aura des Geheimnisvollen, des Verbotenen wirbt“. Man wolle zudem „möglichen kommerziellen Interessen“ entgegenwirken.

Propagandaschrift und "zentrale historische Quelle"

Das Projekt gilt dennoch als umstritten, ist „Mein Kampf“ doch eine Propagandaschrift, „deren Autor wie kein anderer für Hass und die Vernichtung von Millionen von Menschen steht“, wie es auf der Homepage der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz heißt. Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte und Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hält „Mein Kampf“  jedoch ausdrücklich für eine „zentrale historische Quelle“ für das Verständnis des Nationalsozialismus. Die Edition des Instituts soll Hitler und seine Propaganda nachhaltig dekonstruieren und der Symbolkraft des Buchs damit den Boden entziehen, so Wirsching.
Dazu hat ein Historikerteam des IfZ unter der Leitung von Dr. Christian Hartmann „Mein Kampf“ in mehrjähriger Arbeit umfassend aufbereitet. Im Zentrum haben laut IfZ folgende Fragen gestanden: „Wie entstanden seine Thesen? Welche Absichten verfolgte er damit? Welchen gesellschaftlichen Rückhalt besaßen Hitlers Behauptungen unter seinen Zeitgenossen? Welche Folgen hatten seine Ankündigungen nach 1933? Und vor allem: Was lässt sich mit dem Stand unseres heutigen Wissens Hitlers unzähligen Behauptungen, Lügen und Absichtserklärungen entgegensetzen?“

Hitlers Text wird "entmystifiziert"

Auch der Wissenschaftshistoriker und Biologiedidaktiker Prof. Dr. Uwe Hoßfeld von der Friedrich-Schiller-Universität Jena gehört zu den externen Mitarbeitern der Edition. Er hat Textabschnitte zu Themenbereichen wie „Rassentheorie“, „Anthropologie“, „Biologie“, „Eugenik“ und „Humangenetik“ kommentiert. Das Lesen von „Mein Kampf“ habe ihm Kopfschmerzen verursacht, erläutert Hoßfeld. Lange Passagen seien in einer überaus primitiven Sprache verfasst, die aber die Weltsicht Hitlers widergebe. Dessen demagogische Methode fasst Hoßfeld so zusammen: „Hitlers Aussagen enthalten in vielen Passagen einen Kern Wahrheit, manchmal Halbwahrheiten, die er dann entsprechend seiner Vorstellungen zugespitzt und überhöht hat.“ Mit der historisch-kritische Edition werde „Hitlers Text entmystifiziert“.

Die Justizministerkonferenz habe zwischenzeitlich entschieden, dass die unkommentierte Verbreitung von „Mein Kampf“ auch nach dem Auslaufen der Urheberschutzfrist in Deutschland verboten bleiben soll, betont Thüringens Kulturminister Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff. Eine eigene rechtliche Regelung dafür erscheine laut Justizministerkonferenz deshalb verzichtbar, weil der Straftatbestand der Volksverhetzung ausreichend sei, um den Nachdruck zu verhindern. Hoffs Einschätzung nach kann die kritische Edition „dazu beitragen, die alltägliche Vermittlung des Nationalsozialismus im Schulunterricht didaktisch-methodisch zu unterfüttern und neue Ideen für die Lehrer/-innenbildung zu entwickeln.“

Stefan Wogawa