22. Mai 2018

Die Kunst der Provokation

Aufklärerisch und provokant: Der Leipziger Künstler Felix Almes führt in Gera Theater-Performances auf. Foto: Felix Almes

Gera war vor etwas mehr als einem Vierteljahrhundert eine blühende, große Bezirksstadt. Seit der Wende allerdings ist die Otto-Dix-Stadt im Niedergang. Galt Gera für längere Zeit als eine kleine linke Hochburg in Thüringen, sorgten in der jüngsten Zeit eher die Wahlerfolge der AfD für Schlagzeilen. Bei der Oberbürgermeisterwahl am 15. April war sogar zu befürchten, dass Gera als erste Stadt in Deutschland einen AfD-Oberbürgermeister bekommen könnte. Dieser Kelch ging zum Glück an der 100.000-Einwohner-Stadt vorüber. 


Während des Wahlkampfes wurde die Kunsthochschule Leipzig vom Kunstzentrum Häselburg eingeladen, in Gera eine Ausstellung zu machen. Der Student Felix Almes nahm sich mit einer Mitstudentin vor, diese im öffentlichen Raum zu veranstalten. Unter anderen war geplant, Skulpturen, die bei Menschen in Gera längst in Vergessenheit geraten sind, mit einem Beamer zu bestrahlen und sie so wieder zum Leben zu erwecken. Daraus wurde nichts, denn die Mitstudentin von Almes sprang kurzfristig ab.


Als sich der Leipziger Student die in Gera geschossenen Bilder anschaute, fiel ihm ein leeres Büro mit der Aufschrift zu vermieten, direkt neben dem Büro der AfD auf.  „Bei mir im Kopf ist sofort ein großer Künstlername aufgeploppt: Schlingensief.“ Der österreichische Regisseur und Aktionskünstler Christoph Maria Schlingensief (1960 – 2010) hatte im Jahr 2000 mit der Ak-  tion „Ausländer raus! Schlingensiefs Container“ auf die  Fremdenfeindlichkeit in westlichen Kulturen auf äußerst provokante Weise hingewiesen. Hintergrund war damals der rasante Aufstieg der rechtspopulistischen FPÖ. 


„Da gerade Oberbürgermeisterwahl in Gera war, wollte ich auch einen Bezug zum Thema Grenzen, Zu- und Abwanderung herstellen. Speziell der Punkt, man hat entweder Glück oder Pech, wo man auf der Erde geboren wurde, war mir wichtig. Genauso hat man Glück oder Pech, wo man hinziehen kann oder wo man nicht hinziehen darf“, sagte Felix Almes zu seinen Aktionen, die seit dem 1. April und noch bis Ende Mai in Gera laufen. 


Mit Fabian Lehmann hatte er zunächst Holzskulpturen in die Schaufenster gestellt und erst mal eine feierliche Vernissage veranstaltet. Das „trojanische Pferd“ hieß die treffenderweise. Denn, der Vermieter des Büros hätte andernfalls den Laden vielleicht nicht an die Künstler vergeben.
 
Anschließend kam richtig Schwung in die Sache. „Ich dachte mir, ich mache das noch ein Stückchen verschärfter, damit die Leute  tatsächlich merken, was Grenzen bedeuten.“  Daraufhin hatte er eine satirische Forderung formuliert: Den Oberbürgermeisterkandidaten der AfD, Dieter Laudenbach, als Wirtschaftsflüchtling mit verschleierter Herkunft  zu deklarieren. „Er hatte ja eine perfekte Vorlage gegeben, in dem er in zwei Interviews zwei verschiedene Geburtsorte genannt hatte. Die Forderung war, ihn in ein fiktives Auffanglager nach Leipzig abzuschieben, wo seine Herkunft geklärt werden soll, bevor er in seine eigentliche Gemeinde rückgeführt wird“, erklärte der Künstler. 


Felix Almes möchte, dass deutsche Staatsbürger überprüft werden, ob sie aus wirtschaftlichen Gründen aus ihrer Geburtsgemeinde weggegangen sind. Mit solchen überspitzten, satirischen Forderungen, will er nicht nur provozieren, sondern vor allem zum Nachdenken über gesellschaftliche Zustände anregen. Es begann Grenzzaun-Performances zu veranstalten und verteilte A4-Zettel mit entsprechenden Forderungen. Der Besitzer eines Copyshops fand das so interessant und gut, dass er gleich 2.000 Stück, fast geschenkt, druckte. 

 

Mehr zu den Aktionen von Felix Almes im Interview

sowie auf der Webseite http://altentfernen.de